Der Weg vom Labor in die industrielle Anwendung ist für biobasierte Verfahren oft lang und kapitalintensiv. Die Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie" des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie adressiert die zentralen Hürden: fehlende Skalierungsinfrastruktur und unzureichende Rahmenbedingungen.
Autoren: Dr. Marc Awenius, Leiter Werkstoffe und Bioökonomie, Dr. Monika Weinhold, Technologieberaterin, VDI Technologiezentrum
Das BMWE-Netzwerk bündelt Praxiswissen und entwickelt Empfehlungen für Skalierung und Regulierung.
Die industrielle Bioökonomie gilt als zentraler Baustein für Defossilisierung, Kreislaufwirtschaft und Wettbewerbsfähigkeit. Der Transfer biobasierter Verfahren aus dem Labor in die industrielle Anwendung scheitert jedoch häufig an zwei Hürden: fehlender Skalierungsinfrastruktur und unzureichenden Rahmenbedingungen. Der Beitrag zeigt, wie die Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE) diese Herausforderungen systematisch bearbeitet.
Ein Mikroorganismus, der aus Pflanzenresten einen Hochleistungskunststoff herstellt – fossilfrei, kreislauffähig, klimaneutral. Die Technologie funktioniert, die Daten sind überzeugend. Und dennoch bleibt die Anlage klein, das Produkt teuer, der Markt zögerlich. Solche Fälle sind in der industriellen Bioökonomie kein Einzelfall. Der Weg vom Labor in die industrielle Anwendung ist oft lang, kapitalintensiv und regulatorisch anspruchsvoll. Deshalb braucht es Formate, die technologische, wirtschaftliche und politische Perspektiven zusammenführen. Eine solche Funktion übernimmt die Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“.[1]
Inhalt:
- Das BMWE-Netzwerk bündelt Praxiswissen und entwickelt Empfehlungen für Skalierung und Regulierung.
- Ein Netzwerk für die industrielle Transformation
- Das Valley of Death bleibt die zentrale Hürde
- Hürde 1: Skalierung
- Hürde 2: Rahmenbedingungen
- Regulatorik: GVO-Zulassung als Hemmnis
- Marktanreize: Wirtschaftlichkeitslücken schließen
- Rohstoffe, Kreisläufe und Nutzungskonkurrenzen
- Die Dialogplattform als Impulsgeber
- Was jetzt entscheidend ist
Ein Netzwerk für die industrielle Transformation

Die Dialogplattform wurde 2018 gegründet, um den industriellen Wandel hin zu einer biobasierten und kreislauforientierten Wirtschaft voranzutreiben. Sie ist ein unabhängiges Netzwerk von Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlichem Sektor. Ziel ist es, praxisnahe Expertise für politikrelevante Fragestellungen bereitzustellen und die industrielle Bioökonomie strategisch weiterzuentwickeln. Die Plattform arbeitet als flexibles Format: Mitglieder bringen sich je nach Expertise und Verfügbarkeit in konkrete Themen ein. Zentraler Taktgeber ist das jährliche Symposium in Berlin. Dort werden Ergebnisse vorgestellt, neue Themen gesetzt und Arbeitsgruppen beauftragt. Aus deren Arbeit entstehen konkrete Handlungsempfehlungen für die Politik. So entsteht ein strukturierter Prozess zwischen Praxiswissen, fachlicher Verdichtung und politischer Anschlussfähigkeit.[1]
Das Valley of Death bleibt die zentrale Hürde
Ein zentrales Thema der Plattform ist die kritische Phase zwischen Innovation und Marktreife. Fachleute sprechen vom Valley of Death: jener Phase, in der biotechnologische Innovationen das Labor verlassen haben, aber noch nicht marktreif sind. Der Aufbau von Pilot- und Demonstrationsanlagen ist teuer, technisch komplex und mit erheblichem Risiko verbunden. Gerade für junge Unternehmen und neue Verfahren entsteht hier eine Lücke zwischen technischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Umsetzung. Die Plattform betont deshalb, dass Deutschland bei der Entwicklung biobasierter Produkte und Verfahren zwar gut aufgestellt ist, die Skalierung in industrielle Prozesse aber deutlich stärker unterstützt werden muss.[2]
Hürde 1: Skalierung
Der Aufbau von Demonstrationsanlagen erfordert nicht nur Kapital, sondern auch geeignete Infrastruktur, qualifizierte Fachkräfte und verlässliche Rohstoffströme. Entscheidend ist aus Sicht der Dialogplattform, dass Förderung nicht nur einzelne Technologien adressiert, sondern auch anwendungsnahe Infrastrukturen, Reallabore, Enabling Technologies und integrierte Wertschöpfungsketten stärkt. Diese Linie zieht sich durch das Positionspapier „Leitmarkt Bioökonomie: Transformation und Skalierung für Nachhaltigkeit und Ressourcenwende“. Dort werden Skalierung, Pilotanlagen, Innovationsförderung, Wertschöpfungsnetze und Leitmarktbildung ausdrücklich zusammen gedacht.[2]
Hürde 2: Rahmenbedingungen
Skalierung allein reicht nicht. Ohne verlässliche politische und regulatorische Rahmenbedingungen rechnen sich Investitionen in neue Anlagen oft nicht. In der Plattformarbeit treten dabei vor allem drei Themen in den Vordergrund: regulatorische Unsicherheit, fehlende Marktanreize und unzureichend abgesicherte Nachfrage. Diese Punkte werden auch in der Stellungnahme zur Überarbeitung der EU-Bioökonomiestrategie deutlich. Darin fordert die Plattform eine stärkere Berücksichtigung industrieller Anwendungen, marktseitiger Instrumente, eine differenzierte Rohstoffstrategie sowie industrieorientierte Innovationsförderung.[3]
Regulatorik: GVO-Zulassung als Hemmnis
Ein prominentes Beispiel ist die Regulierung gentechnisch veränderter Mikroorganismen. Der bestehende europäische Rechtsrahmen folgt weitgehend einem prozessbasierten Ansatz. Maßgeblich ist vor allem, mit welcher Methode ein Produkt hergestellt wurde, nicht allein dessen Eigenschaften. Das kann dazu führen, dass vergleichbare Endprodukte unterschiedlich reguliert werden, obwohl sich die verwendeten Verfahren im Endprodukt nicht mehr nachvollziehen lassen. Die Dialogplattform plädiert deshalb für einen stärker produktorientierten und risikobasierten Ansatz. Im Positionspapier zum europäischen GVO-Rechtsrahmen für Mikroorganismen schlägt sie ein differenziertes Kategorisierungssystem vor. Ziel ist nicht, Sicherheitsstandards abzusenken, sondern eine konsistentere und innovationsfreundlichere Regulierung.[4]
Marktanreize: Wirtschaftlichkeitslücken schließen
Neben der Regulierung ist die mangelnde Wirtschaftlichkeit vieler biobasierter Lösungen ein zentrales Thema. Biogene Rohstoffe sind gegenüber fossilen Alternativen oft strukturell im Nachteil. Neue Verfahren und Produkte müssen sich in Märkten behaupten, die von etablierten fossilen Wertschöpfungsketten, bestehenden Infrastrukturen und Skaleneffekten geprägt sind. Aus Sicht der Dialogplattform reicht es deshalb nicht aus, allein Forschung und Entwicklung zu fördern. Ebenso nötig sind Market-Push- und Market-Pull-Instrumente. Genau hier setzen die Handlungsempfehlung zum Zertifikatehandel für erneuerbaren Kohlenstoff an. Vorgeschlagen wird ein Carbon Utilization Trading System, das die stoffliche Nutzung erneuerbarer, recycelter oder abgeschiedener Kohlenstoffquellen wirtschaftlich attraktiver machen soll.[5]
Mengenpolitik: Quoten als Nachfragehebel
Ergänzend dazu diskutiert die Plattform Quotenregelungen als möglichen Hebel, um verlässliche Nachfrage für Produkte mit regenerativem Kohlenstoffanteil zu schaffen. Dabei steht nicht die Gesamtmasse eines Produkts im Vordergrund, sondern der Anteil regenerativen Kohlenstoffs am gesamten Kohlenstoffgehalt. Diesen Ansatz konkretisiert das Positionspapier zu Quotenregelungen für biobasierten Kohlenstoff in Chemieprodukten und -materialien. Vorgeschlagen wird ein stufenweises Modell, das an Endprodukten ansetzt und definierte Produktgruppen schrittweise einbezieht.[6]
Rohstoffe, Kreisläufe und Nutzungskonkurrenzen
Die Dialogplattform betrachtet industrielle Bioökonomie nicht nur als Frage neuer Verfahren, sondern auch als Frage einer tragfähigen Rohstoffbasis. Im Mittelpunkt steht die Defossilisierung industrieller Kohlenstoffströme. Dabei geht es nicht nur um Biomasse, sondern auch um Sekundärrohstoffe, Abfall- und Reststoffströme sowie CO2 als Rohstoffbasis in industriellen Kreisläufen.
Ein zentrales Prinzip ist die Kaskadennutzung: Biogene Rohstoffe sollen möglichst lange stofflich genutzt und erst am Ende energetisch verwertet werden. Diese Perspektive wird im Papier zu Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft besonders deutlich. Dort geht es um die stoffliche Nutzung von Sekundärrohstoffen, rechtliche Hemmnisse, Marktbarrieren, Recycling, Kaskadennutzung und die Rolle regionaler Kreislaufwirtschaftskonzepte. Damit wird klar: Industrielle Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft sind eng miteinander verknüpft.[7]
Die Dialogplattform als Impulsgeber
Die Relevanz der Plattform zeigt sich daran, dass ihre Arbeit nicht beim Austausch stehen bleibt. Sie mündet in abgestimmte Papiere, die gezielt in politische Prozesse eingespeist werden. Dazu zählen das Leitmarkt-Papier von 2023, die Stellungnahme zur EU-Bioökonomiestrategie von 2025 sowie die veröffentlichten AG-Papiere zu GVO-Regulierung, Zertifikatehandel, Quotenregelungen und Kreislaufwirtschaft.[2–7]
Inhaltlich zieht sich durch diese Arbeiten eine gemeinsame Linie: industrielle Bioökonomie nicht nur als Forschungsfeld zu betrachten, sondern als strategischen Hebel für Defossilierung, Resilienz, neue Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit.[2][3]
Was jetzt entscheidend ist
Deutschland verfügt über eine starke Forschungsbasis, industrielle Kompetenzen und politische Aufmerksamkeit für das Thema. Entscheidend sind nun mehr Demonstrationsanlagen, verlässlichere Rahmenbedingungen, marktseitige Anreize für biobasierte Produkte und leistungsfähige Netzwerke, die Akteure entlang der Wertschöpfungsketten zusammenbringen.
An dieser Schnittstelle setzt die Dialogplattform an, verbindet Praxiswissen aus Unternehmen und Forschung mit politikrelevanten Fragestellungen und übersetzt beides in konkrete Empfehlungen. Sie ist mehr als ein Austauschformat: ein Forum, in dem zentrale Hemmnisse der biobasierten Transformation gebündelt und Lösungsansätze für Skalierung, Marktgestaltung und Regulierung entwickelt werden.[1]
Skalierung und Rahmenbedingungen sind keine Alternativen. Sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Wenn Deutschland den Weg vom Labor in den Markt beschleunigen will, kommt es nicht nur auf technologische Exzellenz an, sondern auch auf solche Brückeninstitutionen.
Danksagung
Wir danken Monika Gelhausen, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, für Ihre wertvollen Hinweise.
Quellen
[1] Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“: Plattformbeschreibung und Arbeitsweise.
[2] Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“: Leitmarkt Bioökonomie: Transformation und Skalierung für Nachhaltigkeit und Ressourcenwende. Positionspapier der Dialogplattform Industrielle Bioökonomie. Herausgeber: VDI Technologiezentrum GmbH, Düsseldorf, 2023.
[3] Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“:
Analyse und Bewertung des Konsultationsfragebogens der EU-Kommission zur Überarbeitung der Bioökonomiestrategie 2025. 2025.
[4] Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“, AG 4: Positionspapier zur Änderung des europäischen GVO-Rechtsrahmens für Mikroorganismen. 2025.
[5] Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“, AG 1:
Handlungsempfehlung – Zertifikatehandel für erneuerbaren Kohlenstoff. 2026.
[6] Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“, AG 2: Positionspapier zu Quotenregelungen für biobasierten Kohlenstoff in Chemieprodukten und -materialien. 2026.
[7] Dialogplattform „Industrielle Bioökonomie“, AG 3: Positionspapier zu Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft. 2026.
Dieser Beitrag ist in CITplus 5/2026 erschienen
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