Reinraumkleidung – Alter Hut oder Feld für Innovationen?
Reinraumbekleidung ist im GMP-Umfeld unverzichtbar. Doch wie lassen sich Materialien, Recycling und Design für mehr Nachhaltigkeit und Effizienz weiterentwickeln?

Reinraumbekleidung ist ein „Must-have“. Wer Reinräume, speziell im GMP-Umfeld betreibt benötigt geeignete Bekleidung für seine Mitarbeiter. Und das nicht erst seit gestern oder seit der neue Annex 1 in Kraft getreten ist. Aber ist das deshalb ein alter Hut, oder ist da noch Raum für Verbesserung und Innovation? Beim Material, z.B. durch Recycling? Beim Design, zur Erleichterung des Ankleideprozesses, oder auch noch an anderer Stelle?
Funktion und Systemgedanke
Im Gegensatz zur persönlichen Schutzausrüstung (PSA) schützt Reinraumbekleidung primär Produkt und Prozess vor Kontaminationen durch Menschen und Privatkleidung. Sie ist als Gesamtsystem zu betrachten: Neben Overall, Kittel und Haube beeinflussen auch Unterbekleidung, Handschuhe, Schuhe, Masken, Material, Umgebung, Trageverhalten, Schulung sowie Reinigung und Aufbereitung die Schutzwirkung. Sie wirkt wie ein Filter und muss entsprechend gepflegt, überwacht und bei Bedarf ersetzt werden.
Mensch als Kontaminationsquelle

Menschen sind eine wesentliche Partikel- und Keimquelle und Bewegung erhöht die Freisetzung dieser deutlich. Body-Box-Untersuchungen zeigten beim Baumwoll-Jogginganzug wesentlich höhere Zahlen abgegebener Partikel als beim Reinraumbekleidung auf Kunstfaserbasis. Dazu reduzierte ein Overall die Emission nochmals erheblich. Auch geeignete Unterbekleidung senkt Partikel- und Keimemissionen zusätzlich und ist daher ein wichtiger, oft unterschätzter Systembestandteil.
Anforderungen und Textilkriterien
Die ISO-Reinraumklasse allein ist kein ausreichendes Kriterium, um die Ansprüche an die Kleidung zu bestimmen. Entscheidend sind Produktgruppe, der Prozess, kritische Qualitätsattribute, Standortvorgaben und auch Personal- bzw. Arbeitsschutz. Zu bewerten sind Partikelfiltration, Keimpermeabilität im feuchten Zustand, Migration, Abrieb- und Pillingneigung, Elektrostatik, Tragekomfort, Dekontaminierbarkeit und Sterilisierbarkeit. Auch Pumpeffekte, z.B. bei hoher Gewebedichtigkeit können das Risiko einer Kontamination erhöhen.
Aufbereitung, Dekontamination und Alterung

Konventionelles Waschen ist nicht mit professioneller Reinraum-Dekontamination gleichzusetzen. Nötig sind definierte Abläufe von Eingangskontrolle und Sortierung über Vorbehandlung, Wasch- und Desinfektion bis zu Trocknung, Faltung und Verpackung unter kontrollierten Bedingungen. Eine geeignete Wasserqualität und filtrierte Luft sind wichtig. ASTM-F51- oder Helmke-Drum-Verfahren bestimmen die Restkontamination, nicht jedoch die tatsächliche Schutzleistung des fertigen Systems.
Waschen, Tragen, mechanische Belastung und Sterilisation verursachen Alterung und entsprechend ist eine Austauschfrequenz durch Qualifizierung, Prüfungen und Risikobewertung festzulegen. Annex 1 fordert den Austausch bei Beschädigung oder in einem qualifizierten Intervall und berücksichtigt auch visuell nicht erkennbare Schäden. Monitoring oder die Delegation an eine Wäscherei ersetzt diese Bewertung nicht.
Einweg- und Mehrwegbekleidung
Einwegkleidung kann konstante Leistung und hohe Dichtigkeit bieten, ist aber nicht grundsätzlich bei Partikel- oder Keimretention überlegen. Vergleiche erfordern identische Prüfbedingungen, erfahrene Bediener, ausreichende Wiederholungen und stabile Umgebungsbedingungen. Zu berücksichtigen sind außerdem Tragekomfort, PSA-Anforderungen, Logistik, Kosten und Umwelt. Mehrwegkleidung reduziert bei langer Nutzungsdauer Abfall, erfordert aber Aufbereitung sowie eine belastbare Alterungs- und Requalifizierungsstrategie.
Schlussfolgerung
Reinraumbekleidung ist kein Einzelprodukt, sondern ein qualifiziertes, standort- und prozessspezifisches System. Für A/B-Bereiche werden typischerweise sterile Overalls, Hauben, Stiefel, Masken, Augenschutz, Doppelhandschuhe und synthetische Unterbekleidung empfohlen; C/D-Bereiche sind an Belastung und Prozess anzupassen. Entscheidend sind klare Tragevorgaben, Wechselintervalle, qualifizierte Aufbereitung, regelmäßige Prüfung und die nachvollziehbare Einbindung in die CCS.
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