Abwicklungsmodelle als Erfolgsfaktor in Life-Sciences-Bauprojekten
Bauprojekte in der Life-Sciences-Industrie stehen unter hohem Druck: komplexe GMP-Vorgaben und sehr kurze Zeitpläne prägen den Alltag. Gerät ein Projekt in Schieflage, wird oft über Termine oder Kosten diskutiert. Häufig liegt der Kern jedoch im gewählten Abwicklungsmodell, das entscheidend für den Projekterfolg ist.
Autoren: Stefan Göstl, Kai Liebermeister
Warum Projekte in GMP-regulierten Umgebungen scheitern – und wie das passende Abwicklungsmodell Risiken reduziert

In der Projektpraxis der Life-Sciences-Industrie sind die Anforderungen hoch: komplexe regulatorische Rahmenbedingungen durch Good Manufacturing Practices treffen auf ambitionierte Super-Fast-Track-Zeitpläne und machen Bauprojekte in dieser Branche besonders anspruchsvoll. Umso gravierender ist es, wenn Projekte in Schieflage geraten. Die Ursachen? Oftmals komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Oft wird über Termine, Kosten, Zuständigkeiten gestritten. Selten jedoch wird an der Wurzel angesetzt: beim zu Grunde gelegten Abwicklungsmodell, das über Erfolg oder Scheitern entscheidet.
Struktur bestimmt Projekterfolg
Die Projektpraxis zeigt: Viele Projekte scheitern nicht an der Ausführung, sondern an einem strukturellen Missverständnis. Management- und Abwicklungsmodelle werden oft zu spät, zu starr oder schlicht falsch gewählt: ein EPC-Modell, wo Flexibilität gebraucht würde oder eine Einzelvergabe, wo eigentlich ein EPCM-Ansatz mit gebündelter Verantwortung sinnvoller wäre. Jedes Modell bringt spezifische Vor- und Nachteile mit sich, die über Effizienz, Steuerbarkeit und letztlich den Erfolg eines Projekts entscheiden können. Die Berücksichtigung dieser Faktoren ist eine Führungsaufgabe, die oft unterschätzt wird. Die Wahl des passenden Management- und Abwicklungsmodells ist entscheidend für die erfolgreiche Umsetzung eines Projekts.
EPCM: Flexibilität und Kontrolle bei komplexen Projekten
Beim EPCM-Modell - kurz für Engineering, Procurement, Construction Management - übernimmt der Projektpartner die Verantwortung für Planung, Beschaffungsvorbereitung und Bauüberwachung – nicht aber für die eigentliche Ausführung. Der Auftraggeber bleibt stärker eingebunden, behält mehr Kontrolle und kann flexibler auf Änderungen reagieren. Das macht EPCM besonders geeignet für Projekte mit hoher technischer Komplexität. Dieser hohe Freiheitsgrad birgt aber auch Risiken. Ohne ein eingespieltes Projektmanagement auf Seiten des Auftraggebers drohen Abstimmungslücken, Terminverzögerungen und Effizienzverluste. Besonders deutlich wird das bei großen, international aufgestellten Organisationen. Hier müssen die internen Prozesse mit den Anforderungen des EPCM-Modells synchronisiert werden.
EPC: Planung und Bau aus einer Hand
Einen konzeptionell anderen Ansatz verfolgt das EPC-Modell – Engineering, Procurement, Construction. Das Modell steht für eine Komplettvergabe an einen Totalunternehmer. Der Auftragnehmer übernimmt Planung, Beschaffung und Ausführung und trägt dabei in weiten Teilen das Risiko. Für Auftraggeber bedeutet das zunächst einmal: frühe Kostensicherheit, weniger Koordinationsaufwand und oft eine verkürzte Projektdauer. Doch dieser Komfort hat seinen Preis. Änderungen im Projektverlauf lassen sich nur schwer integrieren, die Einflussmöglichkeiten auf Qualität und Detailausführung sind begrenzt. Hier sollte die Auftraggeberseite entsprechend aufgestellt sein, um die eigenen Interessen gegenüber dem EPC-Contractor durchsetzen zu können. Regelmäßig wird hier ein externes Projektmanagement oder „Owners Engineering“ eingesetzt, wenn die Auftraggeberorganisation die hierfür notwendigen Ressourcen nicht vorhalten kann oder will.
Einzelvergabe: maximale Transparenz, minimale Puffer

Ganz anders strukturiert ist die klassische Einzelvergabe. Hier schließt der Bauherr einzelne Verträge mit allen Planern und Gewerken. Das bedeutet maximale Transparenz, direkte Steuerbarkeit und ein Höchstmaß an Kontrolle über Qualität und Kosten. Die Kehrseite: Der Koordinationsaufwand ist erheblich, das Terminrisiko liegt außerdem voll beim Auftraggeber. Insbesondere in Großprojekten mit vielen Schnittstellen kann dieses Modell schnell an Grenzen stoßen. Einzelvergaben sind daher vor allem für Auftraggeber mit starker interner Projektstruktur oder als Bestandteil hybrider Modelle geeignet. So lassen sich beispielsweise Kernbereiche über EPCM- oder EPC-Strukturen bündeln, während weniger komplexe Teile klassisch vergeben werden. Dieses Vorgehen kombiniert Flexibilität mit Kontrolle und kann helfen, spezifische Projektanforderungen gezielt zu adressieren.
Der Projektstart ist der entscheidende Moment
Gute Projekte beginnen nicht erst mit der Vergabe von Planungs- oder Ausführungsleistungen, sondern mit einem klaren, sorgfältig ausgewählten Modell. Für die Projektteams bedeutet das, frühzeitig die Anforderungen und Bedarfe zu klären sowie die Abhängigkeiten verstehen. Von der Eingangsanalyse bis zur abschließenden Abnahme, Übergabe und Inbetriebnahme mit Qualifizierung und Validierung müssen alle Maßnahmen ineinandergreifen. Dazu gehört auch, die Gebäude- und Prozessplanung eng aufeinander abzustimmen, die GMP-Anforderungen von Anfang an einzubeziehen und Qualifizierungskonzepte schon zu Projektbeginn zu etablieren. So gestaltet, wird der Bauablauf effizient – Kosten, Termine und Qualitäten können eingehalten werden.Unabhängig vom gewählten Management- und Abwicklungsmodell werden bei Bauprojekten Kosten, Termine und Qualitäten oft als einzige Erfolgsfaktoren priorisiert. Doch um ein Projekt wirklich erfolgreich abzuschließen, spielen auch Motivation, Kommunikation und Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle.
Motivation, Kommunikation und Zusammenarbeit: Die Schlüssel zum Projekterfolg
Motivation ist der Antrieb jedes erfolgreichen Teams. Engagierte Mitarbeiter bringen mehr Kreativität ein, zeigen höhere Leistungsbereitschaft und meistern Herausforderungen souveräner – das steigert sowohl Produktivität als auch Qualität.
Ebenso unverzichtbar ist eine klare und offene Kommunikation. Sie verbindet alle Projektbeteiligten, beugt Missverständnissen vor, ermöglicht eine frühzeitige Problemerkennung und unterstützt die effiziente Umsetzung von Lösungen. Kommunikation schafft Vertrauen – die Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, die verschiedene Kompetenzen, Erfahrungen und Perspektiven bündelt. In einem gut eingespielten Team entstehen Synergien, die innovative Lösungen ermöglichen und auch schwierige Hürden überwindbar machen. So wird der Projekterfolg nicht zum Zufall, sondern zum Ergebnis einer starken Teamleistung.

Stefan Göstl
ist Head of Life Sciences & Chemicals bei Drees & Sommer

Kai Liebermeister
ist Teamleiter bei Dress & Sommer












